Ralf´s Reader´s Corner: „From Strength to Strength, Arthur C. Brooks (2022)
“What is a normal goal to a young person becomes a neurotic hindrance in old age.”
—Carl Gustav Jung, 20th Century founder of analytical psychology
Mit diesem Zitat des großen C.G. Jung möchte ich die Rezension eines ungewöhnlichen und inspirierenden Buches starten. Der Autor verwendet das Zitat in diesem Buch selbst ebenfalls. Generell ist das Buch eine Fundgrube für Zitate und auch für die Entdeckung weiterer Bücher. Das legt Zeugnis ab für die extreme Belesenheit des Autors und seine Fähigkeit, Themen zu vernetzten und zu einer umfassenden Betrachtungsweise zu gelangen.
Worum geht es? Um nichts weniger als das fundamentale Thema: „Wie gehe ich richtig mit meinem Alterungsprozess um?“ Unter „richtig“ ist hier gemeint, gesund zu altern und im Unternehmen wirksam zu bleiben. Mit der Wirksamkeit des Managements beschäftigten sich Peter Drucker und Fredmund Malik intensiv. Ein gutes Management ist ein wirksames Management.
Brooks betrachtet – und das ist neu in dieser Form – diese Wirksamkeit nicht statisch, sondern dynamisch: „Wie bleibe ich wirksam und damit wertvoll für das Unternehmen, wenn ich die 3oer und auch die 40er Jahre meines Lebens hinter mir gelassen habe?“ Das ist ein grundlegendes Thema, an dem, das zeigen die medial verbreiteten Informationen immer wieder, leider viele scheitern. Der Versuch, den Alterungsprozess aufzuhalten, mit den Jungen auf deren Gebiet mitzuhalten, immer im Gespräch zu bleiben, gleitet dann irgendwann ins Gesundheitsschädliche und zuletzt dann auch manchmal Peinliche ab. Demaskierter Narzissmus als Endstufe ist ein trauriges Bild.
Brooks startet das Buch mit einer von ihm gemachten Beobachtung in einem Flugzeug, die ihn angabegemäß zu diesen Gedanken und dem Buch motiviert hat: er sah dort einen sehr prominenten nationalen Helden, nun ein alter Mann. Dieser kam nicht damit klar, dass ihn niemand mehr erkannte. Er lebte nur noch in Fantasien seiner jugendlicher Ruhmestaten. Es wird im Verlauf des Buches nicht klar, wen Brooks hier meinte, die Diskussionen dazu tendieren dahin, dass es sich um einen bekannten Astronauten gehandelt haben könnte. Das Festhalten an eigenen Heldentaten führt damit offensichtlich nicht in einen gesunden Alterungsprozess auf Basis eines echten Selbstwertgefühls. Aber wie kann es funktionieren?
Mit „mehr von demselben“ (Watzlawick) geht es also jedenfalls nicht. Und hier bringt Brooks die Konzepte „fluide Intelligenz“ = Jugendintelligenz und „kristalline Intelligenz“ = Altersintelligenz ins Spiel. Die fluide Intelligenz erreicht demgemäß ihren Höhepunkt schon mit etwa Anfang 30 und fällt dann langsam unwiderruflich ab, während die kristalline Intelligenz immer weiter wachsen kann.
Die fluide Intelligenz beschreibt Brooks, Cattell folgend, so: „[…] the ability to reason, think flexibly, and solve novel problems.“ (S. 26) Und: „[…] it is associated with both reading and mathematical ability.“ (s. 26)
Wer aber nun trotz fortschreitenden Alters immer weitermacht in Tätigkeiten, die dieser Jugendintelligenz bedürfen, muss für die gleiche Leistung immer härter arbeiten und fällt trotzdem zurück; die jungen Menschen ziehen vorbei. Das ist früher oder später biologisch unausweichlich.
Wie aber ist die kristalline, die Altersintelligenz definiert? Brooks folgt auch hier Cattell: „This is defined as the ability to use a stock of knowledge learned in the past.“ (S.27)
Und er fasst zusammen: „When you are young, you have raw smarts; when you are old, you have wisdom. When you are young, you can generate lots of facts; when you are old, you know what they mean and how to use them.“ (S. 27)
Diesen sehr persönlichen Wendepunkt im Leben zu erkennen, sich an ihm auszurichten, auf passendere Tätigkeiten zu wechseln, auf die kristalline Intelligenz nutzende “ zweite Kurve“ im Leben zu springen, um damit wirksam und erfolgreich zu bleiben – das ist die große Kunst und sie will Brooks vermitteln.
Das Buch ist hierbei sehr klar strukturiert. Die Einführung, beginnend mit dem verzweifelten gealterten Helden, zeigt das eigene Erwachen des Autors auf, als er erkannte, dass ein „immer weiter so“ den professionellen Niedergang nicht stoppen kann, aber diesem auch noch Unglück und Perspektivlosigkeit hinzufügt.
Im ersten Kapitel zeigt er die Ursache des professionellen Niedergangs, genauer: des Niedergangs der ersten, auf fluider Intelligenz basierenden, Karriere auf. Die erste Kurve kommt an ihr Ende; Widerstand gegen den Alterungsprozess ist sinnlos.
Das zweite Kapitel widmet sich der Hoffnung in Form der zweiten Kurve: die im Alterungsprozess wachsende kristalline Intelligenz ermöglicht zuerst einen Perspektivwechsel: man kann wertvoll im Sinne von wirksam bleiben. Aber anders. Es geht nun zunehmend darum, hin zu Tätigkeiten (auch im eigenen Unternehmen) zu wechseln, auf die die kristalline Intelligenz einzahlt. Typischerweise sind das Beratungsthemen in allen Varianten, Mentoring, Coaching, (Erfahrungs-)Wissen vernetzen und auf dieser Grundlage lehren.
Brooks beschreibt einige traurige Schicksale großer Persönlichkeiten, die partout nicht akzeptierten, dass ihre Innovationsfähigkeit zunehmen nachließ und so permanent mit sich selbst kämpften (u.a. Darwin). Dem setzt er die große Chance entgegen, die der Wechsel auf die zweite Kurve bietet: eine zweite Karriere auf Grundlage der Altersintelligenz.
Er fasst das in einem Appell zusammen: „Get on your second curve. Jump from what rewards fluid intelligence to what rewards crsytallized intelligence. Learn to use your wisdom.“ (S. 40)
Es klingt einfach, aber ist es sicher nicht. Denn am Anfang steht die Erkenntnis, dass die erste Karriere unvermeidlich endlich ist, ein Abstieg unaufhaltsam. Erst diese Akzeptanz erzeugt die notwendige Demut und Bereitschaft, sich auf diesen fundamentalen Perspektivwechsel einzulassen. Und danach erst kann der Sprung auf die zweite Kurve gelingen.
In den folgenden Kapiteln dieses faszinierenden Buches zählt Brooks die Aufgaben auf, die sich stellen, wenn man bereit ist, die Veränderung aktiv zu gestalten. Nichts davon ist einfach. Kapitel 3 kommt gleich mit der Brechstange daher: „Kick Your Success Addiction.“ Boom. Am Anfang steht die Erkenntnis, dass man vielleicht doch in der Tat sichtbaren Erfolg stark, vielleicht zu stark, liebt. Sich davon unabhängig zu machen, ist ein dickes Brett.
Kapitel 4 setzt diesen harten Prozess konsequent fort: „Start chipping away.“ Anders gesagt: leichtes Gepäck! was ist wirklich wichtig? Und dann: weg mit allem anderen.
In dieser Struktur beschreibt Brooks auch in den Folgekapiteln klar und kompromisslos den Weg, der auf die zweite Kurve führt.
Ein harter, aber lohnender Weg, um nicht im Alter zum Mann im Flugzeug zu werden, dem nur die Vergangenheit bleibt und der nie seine zweite Kurve fand.
Fazit:
Dieses Buch ist unbequem, aufrüttelnd und durchaus provokant. Sicher auch hier und da zu linear und brachial. Es bewegt. 5/5 Sternen, ganz klar.
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Brigitte Petersen
am 07. September 2025 um 07:47 Uhr
Ein wirklich spannendes Buch, ich werde es bestimmt lesen, weil ich in den letzten Tagen beim Future Forest Forum in Blankenburg im Harz sehr deutlich gespürt habe, wie gut es tut, rechtzeitig den Sprung auf die 2. Lebenskurve gewagt zu haben.