Ralf´s Reader´s Corner: „Kurze Antworten auf grosse Fragen“ (2018) von Stephen Hawking
Stephen Hawking hat mich schon immer fasziniert. Mein erstes Buch von ihm, das ich verschlang, war „Eine kurze Geschichte der Zeit“, wohl bis heute sein bekanntestes Buch.
Er schrieb zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher, die mich als begeisterten Laien in den Themen Astrophysik und Kosmologie seit meiner Jugend faszinierten und die ich aufsog wie ein Schwamm.
Dieses Buch nun war sein letztes; der große Mann starb im März 2018. Genau genommen, ist es kein übliches Buch, in dem Sinne, dass Hawking es in einem Rutsch schrieb und dann veröffentlichte. Vielmehr stellt es eine Zusammenstellung von Artikeln dar, die er in seinem privaten Archiv aufbewahrte. Die Erstellung des Buches als bewusste Sammlung dieser Artikel erfolgte fast zeitgleich mit seinem Tod.
Das Buch ist aus meiner Sicht auch gerade deshalb besonders, weil es ein sehr weites Feld abdeckt und viel persönlicher ist als seine früheren Bestseller. Es gewinnt seinen besonderen Reiz gerade dadurch, dass so viele Fragmente, oft ursprünglich persönliche Antworten auf gezielte Fragen unterschiedlichster Art, enthalten sind.
Diese insgesamt zehn Fragen teilt Kip S. Thorne (ebenfalls ein großer Physiker, Nobelpreis 2017) in seiner Einführung zum Buch in zwei Blöcke ein, in einer etwas anderen Reihenfolge als im Buch selbst:
- Gibt es einen Gott?
- Wie hat alles angefangen?
- Können wir die Zukunft vorhersagen?
- Was befindet sich in einem Schwarzen Loch?
- Sind Zeitreisen möglich?
- Wie gestalten wir unsere Zukunft?Hawkings Antworten auf diese Fragen (im Buch sind es die Fragen 1, 2, 4, 5, 6 und 10) sieht Thorne in seiner Forschung basiert.
- Werden wir auf der Erde überleben?
- Gibt es anderes intelligentes Leben im Universum?
- Sollten wir den Weltraum besiedeln?
- Wird uns künstliche Intelligenz überflügeln? Bei diesen Fragen (im Buch die Fragen 7, 3, 8 und 9) sieht Thorne Hawking außerhalb seiner Wissenschaft unterwegs, aber dennoch auf hohem Niveau.
Die Fragen folgen somit keinem Leitfaden, sondern sind aus Hawkings Sicht die zentralen Themen, die es zu durchdringen und zu beantworten gilt.
Hawking leitet das Buch ein mit dem Hinweis darauf, dass bisher keine dieser zehn Fragen beantwortet ist, aber es bei einigen davon nicht mehr lange dauert.
Ob das so ist, oder ob Hawking hier erneut zu optimistisch war (er schreibt auch, dass er in jüngeren Jahren dachte, die Physik sei ihrem Ende nahe, habe bald alles erforscht), wird die Zukunft zeigen. Bisher war es immer so, dass jeder Erkenntnisfortschritt der Menschheit mehr neue Fragen aufwarf als bereits vorhandene beantwortete.
Das erinnert mich auch an den amerikanischen Politikwissenschaftler F. Fukuyama, der in seinem Klassiker „The End of History and the Last Man“ (1992) hoffnungsvoll meinte, dass die politische Entwicklung nur noch eine Richtung kenne, mithin alle Staaten Demokratien nach westlichem Vorbild und mit marktwirtschaftlicher Wirtschaftsstruktur werden würden.
Aber so funktioniert es offenbar nicht und Fukuyama wurde krachend widerlegt. Vielleicht ist es anmaßend zu glauben, dass eine bestimmte Form, Gesellschaft und Wirtschaft zu organisieren, für alle Menschen, für alle Kulturkreise – und für alle Zeiten – die „richtige“ ist? Auch in diesem Thema bin ich lediglich interessierter Laie und lese die teilweise sehr konträren Gedanken diverser Denkerinnen und Denker.
Wissenserweiterung mittels Wissenschaften erreicht wohl nie ihre Endstation; Rückschläge kommen immer wieder vor. Das scheint ein konstitutives Element unserer menschlichen Natur zu sein, oder wie der alte Spruch lautet: „Irren ist menschlich.“
Aber warum auch nicht? Es gibt Albert Camus´ merkwürdig anmutende Hypothese, derzufolge Sisyphos ein glücklicher Mensch war: vielleicht ist das ewig wiederholende Hochrollen des Steines wirklich unsere Natur? Wobei das schon ein recht frustrierender Gedanke ist und die Menschheit zweifelsohne zumindest aus unserer eigenen Sicht beachtliches Wissen aufgebaut hat. Aber diese Entwicklung des Wissens trifft auf die scheinbar unverändert gebliebene menschliche Psyche mit all ihren „Kellergeschossen“ und inneren Dämonen, wodurch enorme Gefahrenpotenziale erzeugt werden.
Wissenserweiterung ohne Intelligenzerweiterung erscheint als die eigentliche Büchse der Pandora.
Mit derartigen Themen befasst sich sich dieses Buch und Hawkings Aussagen auch zu anderen als seinen Fachgebieten sind schon aufgrund seiner schieren Intelligenz lesens- und überlegenswert.
Das Buch beginnt mit der fundamentalen Frage nach Gott, deren „richtige“ Beantwortung unendlich viele andere Fragen beantworten könnte. Hawking geht diese Frage über eine Kette von sich immer weiter verengenden Teilfragen an und formuliert schließlich als das letzte noch bestehende ( = aus seiner Sicht bisher nicht widerlegte) Refugium der Religion die Frage nach dem Ursprung des Universums. Wie fing alles an? Und Warum? Kann dieser absolute Nullpunkt ohne Einwirken Gottes erklärt werden, bleibt für Hawking kein Argument mehr für seine Existenz.
Hier gibt Hawking zu, dass die Wissenschaft noch keine Sicherheit hat, gibt sich aber optimistisch: „[….] aber selbst hier macht die Wissenschaft Fortschritte und dürfte schon bald mit Gewissheit beschreiben können, wie das Universum angefangen hat.“ (S. 53).
Bis zu dieser Klärung allerdings kann auch ein Genie wie Hawking letztlich nur glauben – nicht wissen.
Kritisch könnte man auch seine Verengung des Gottesbegriffes auf die Naturgesetze betrachten: analog Einstein reduziert er Gott auf diese und schafft damit, logisch elegant, aber sicher bestreitbar, folgende Brücke:
- Gott ist identisch mit den Naturgesetzen.
- Die Naturgesetze können wir vollständig durchdringen.
- Damit aber kennen wir Gottes Gedanken.
Aus Sicht gläubiger Menschen ist Schritt 3 jedoch unmöglich – denn Gottes Wege gelten als unergründlich; kein Wissen kann sie uns erschließen.
Mich erinnert diese Kausalitätskette ein wenig an andere (scheinbar) geschlossene Denksysteme, z.B. jenes von Marx und Engels. Letztlich scheitern sie bisher immer an der Komplexität der realen Welt, die sich nicht in einfachen linearen Ursache-Wirkungs-Beziehungen erschöpft.
Wenn aber das Universum „nur“ kompliziert und nicht komplex ist, ist es grundsätzlich unserem stets auf Reduktion bedachten Verstand zugänglich, der sich es dann über die Erforschung der Naturgesetze aneignen kann.
Und so verstehe ich Hawking. Das Universum wird verstanden werden, auch sein Ursprung. Und damit wird die Gottesfrage beantwortet.
Spannend.
Für mich – als interessierter Laie sowohl hinsichtlich Astrophysik wie auch Theologie – sind es derartige Gedanken und konträre Konzepte, die das Denken beflügeln; wohl wissend, dass wir viele Antworten vielleicht nie erhalten werden.
Wir glauben, der Stein sei oben – und dann rollt er uns wieder entgegen – eine weitere Hypothese ist geplatzt.
Hawkings letztes Buch regt anhand dieses Themas und weiterer ganz fundamentalen Fragen und seiner Antworten darauf zum Denken und Streiten an. Was kann man mehr erwarten von einem Buch?
Der große Mann ist tot. Ich *glaube*, dass sein brillanter Geist und seine suchende Seele es nicht sind.
Fazit: 5 von 5 Sternen – schon alleine für die Beschäftigung mit dieser ersten Frage.
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Friedrich G. Zuther
am 05. August 2022 um 07:27 Uhr
Danke für diese Rezension, Hawking habe ich bisher nicht gelesen, die Geschichte der Zeit konnte mich in den Anfangskapiteln nicht mitreißen. Und hier frage ich mich anmaßend, ob umgekehrt Hawking gar keine Philosophen und Logiker rezipiert hat. Die Unentscheidbarkeit der Gottesfrage bei Kant, die Unvollständigkeit der Logik bei Gödel (oder auch dessen Gottesbeweis (der Gott als wohlwolledes höheres Wesen definiert und nicht als Naturgesetze). Es wäre sehr sehr spannend, jetzt mit ihm zu reden ;-), wäre ja mal was für die Channeling-Medien. Aber was soll ich sagen, mehr Lesen sollte ich! Danke fürs Vorbild.
Dr. Ralf Kölbach
am 07. August 2022 um 09:51 Uhr
Vielen Dank für die Rückmeldung! Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“ war eines der Sachbücher rund um Astrophysik und Kosmologie, die meinen Hunger auf diese Themen massiv verstärkten. Jedoch fand ich z.B. das Thema Relativitätstheorie bei Bertrand Russell wesentlich besser erklärt, auch bei Brian Greene; zugegeben.
Hawkings Lektüre hat mir immer dabei geholfen, den Zusammenhang der entscheidenden Naturgesetzte besser zu verstehen, sowie den Stand ihrer Erforschung.
Aus seinen Bücher, auch aus diesem letzten, konnte ich in der Tat keine Beschäftigung mit den Gottesbeweisen erkennen. Kant hatte sich daran ja im Dritten Abschnitt des Dritten Hauptstücks seiner „Kritik der reinen Vernunft“ intensiv abgearbeitet. Letztlich ließ er nur den Ontologischen Gottesbeweis gelten, glaubte aber selbst nicht daran, sondern hielt den Glauben an Gott für eine vielleicht hilfreiche Privatsache. Gödel wiederum, sicher einer der klügsten Köpfe überhaupt, versuchte, diesen Ontologischen Gottesbeweis mit Hilfe der Logik zu rekonstruieren, um ihn validierbar zu machen. Allerdings brauchte er dafür Axiome und Definitionen, die wiederum selbst strittig waren. Hawking wiederum mag diese Diskussion kennen oder nicht – für ihn waren das letztlich nutzlose Gedanken, da er an einen wissenschaftlichen Determinismus glaubte: steht der Ausgangspunkt fest, gelten die Naturgesetze – immer. Demzufolge ist Gott entweder ein anderes Wort für diese – und hat damit keine Freiheit – oder er existiert nicht. Und sogar diesen Ausgangspunkt von allem, den Urknall, sieht er über die Existenz negativer Energie i.V.m. mit den Gesetzen der Quantenmechanik, als grundsätzlich aus sich selbst heraus erklärbar an. So habe ich seine Bücher verstanden. Und ja, lesen ist immer gut!