Künstliche Intelligenz: eine Zwischenbilanz
Nachfolgend fasse ich ein paar Gedanken rund um dieses unerschöpfliche Thema zusammen. Neben dem Klimawandel könnte es der fundamentalste Einschnitt in unser Leben der nächsten Jahre und Jahrzehnte sein bzw. werden. Dieser Beitrag ist nicht streng strukturiert und hat keinen wissenschaftlichen Anspruch. Er hat den Charakter einer praxisorientierten Zwischenreflektion nach einigen Texten und Vorträgen, die ich zu diesem Thema bisher erstellte bzw. Podcasts, bei denen ich mitwirkte.
Es ist schwierig, eine Entwicklung, die gerade erst Fahrt aufnimmt, ihre exponentielle Phase zu erreichen scheint, hinsichtlich ihrer mittel- und langfristigen Auswirkungen zu bewerten. Bei KI hat sich die Geschwindigkeit in wenigen Jahren so erhöht, dass sich die Prognosen hinsichtlich ihrer Relevanz für die Makroökonomie, sowie Staat und Gesellschaft permanent anpassen.
Ein „großer Knall“, oft übersehen, war der vor etwa einem halben Jahr erschienene „Citrini-Report“, ein fiktiver Rückblick eines Research-Unternehmens aus dem Jahr 2028 auf die Ereignisse seit 2026. Dieses makroökonomische Negativszenario unterstellt von KI (konkret: Claude) ausgelöste Massenarbeitslosigkeit im Bereich der white collar – worker, also der Wissensarbeiterschaft im Bürobereich. Da diese Gruppe konsumstark ist, leitet dieses Szenario daraus eine volkswirtschaftliche Nachfrageschwäche mit all ihren Konsequenzen ab und beschreibt eine gesellschaftliche Abwärtsspirale des Ganzen.
Die Gegenposition ist, dass die in Staat, Unternehmen und menschlichem Verhalten eingebauten Bremseffekte diese harte Disruption so ausbremsen, dass sich die Volkswirtschaft anpassen kann und es letztlich eben nicht zu derart großen Verwerfungen kommt. Sie lässt sich gut mit dem Solow-Paradoxon erklären.
Beide Positionen sind weiterhin im Rennen um die Wahrheit und manche Unternehmen richten sich an der ersten Sichtweise aus, andere an der zweiten. Sicher ist, dass KI insgesamt als neue Variante der „Maschinenfrage“ gesehen und damit potenziell als technologische Veränderung mit der Urgewalt z.B. der Dampfmaschine eingeschätzt wird: Ist es nun doch soweit, dass Maschinen weitgehend den Menschen ersetzen können und wie bleiben dann die Gesellschaften stabil?
Unabhängig davon, wie schnell und in welcher Härte die Veränderungen kommen werden, ist es teilweise befremdlich zu sehen, wie unterschiedlich stark das Thema KI in der Politik Beachtung findet. Während die USA und China die überragende Bedeutung von KI schon längst erkannt haben und mit aller Macht die globale Vorreiterrolle anstreben, wirkt Europa einmal mehr langsam, unsicher, bürokratisch. Die risikoorientierte Sichtweise dominiert wie üblich die chancenorientierte. Das ist ein wesentlicher Grund der nun schon lange andauernden ökonomischen Malaise und keineswegs KI-spezifisch.
Was also ist bisher am Arbeitsmarkt passiert?
Auf den ersten Blick noch nicht wirklich viel. Es gibt Tätigkeiten und Teilprozesse, in denen KI begonnen hat, sich durchzusetzen. Hierzu gehören typischen Datenanalyse- und Rechercheaufgaben, z.B. im Einstiegsbereich der Consulting-Branche. Begonnen hat auch der Einsatz von KI, um Software effizienter zu entwickeln. Im Bereich der Call-Center scheint KI zunehmend in den Vordergrund zu rücken. Aber der Arbeitsmarkt zeigt noch keine Verwerfungen auf. Die Betonung liegt hier auf „noch“. Es wird nämlich beinahe täglich offensichtlicher, dass die dynamische Weiterentwicklung der KI zu ständig neuen Einsatzfeldern führt und sie in den bisherigen immer besser wird.
Hilft uns KI beim Problem des demografisch bedingten Arbeitskräftemangels in produzierenden und generell körperlich arbeitenden Bereichen?
Ja, danach sieht es aus. Aktuell macht die Verknüpfung von AI mit Robotics enorme Fortschritte. Es entstehen in immer kürzeren Entwicklungszyklen humanoide Roboter, die einen wesentlichen Beitrag leisten werden, demografisch bediente Produktionsausfälle in Fabriken stoppen und in Wachstumspotenziale umwandeln zu können. Auch in den Bereichen Medizin und Pflege wird neben generischer KI gerade auch Robotics auf KI-Basis eine sehr hohe Bedeutung erlangen können – und angesichts des massiven Personalmangels – auch müssen.
Hilft uns KI, unseren Alltag zu organisieren?
Eindeutig. Es gibt viele Themen im eigenen Verwaltungsbereich, die einfacher und schneller zu erledigen sind. Insbesondere gilt das für die Informationsbeschaffung.
Werden Menschen mittels KI klüger oder dümmer?
Es kommt auf den Einsatz an. Wird einfachstes Denken an die Maschine delegiert, so lassen die kognitiven Fähigkeiten nach und hierfür gibt es erste bedrohliche Hinweise. Andere nutzen KI zur gezielten Erweiterung ihres Wissens, zur Entlastung in vorbereitenden Themen, um damit mehr Kapazitäten für komplexe Überlegungen zu haben. Diese Menschen agieren zunehmend als Mensch-KI-Teams und werden im Beruf produktiver und geistig stärker. Das muss das Ziel für alle sein. Derzeit deutet jedoch einiges darauf hin, dass eine eine Art „kognitiver Spaltung“ droht, denn in Befragungen wird immer wieder deutlich, dass sich zu wenige Menschen ernsthaft mit dem Thema befassen und damit stagnieren, während andere signifikante persönliche Ressourcen einsetzen, um ihre eigenen Mensch-KI-Teams zu bilden und besser zu werden.
Kann KI menschliche Beziehungen ersetzen?
Das ist eine der großen Fragen und Streitfragen. Diskussionen zu diesem Punkt werden schnell hitzig, wie so viele Diskussionen seit 2020, seit dem Jahr, als eine Kaskade multipolarer Krisen das so stabil erscheinende Gefüge der Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschütterte und bisher nicht mehr zur Ruhe kommen ließ.
Für die eine Seite ist klar: da KI nur KI ist, kann sie keine Emotionen erzeugen und somit keine Menschen für Menschen ersetzen. Die andere Seite weist darauf hin, dass der Haupteinsatzzweck generativer KI aber genau das ist: Menschen nutzen KI immer stärker als allgemeine Lebensbegleitung, immer stärker auch als Therapeutenersatz. wenn aber nun KI in vielen Menschen Emotionen erzeugt, bedient, verändert, liegt der Schluss nahe, dass sie zumindest für einen Teil der Menschen de facto beziehungsfähig ist. das passt auch zum ursprünglichen Anspruch der KI-Entwickler: es ging nicht darum, dass KI menschliche Intelligenz exakt imitiert und nachbaut. Vielmehr ging es darum, dass sie typisch menschliche Aufgaben so löst, dass diese Lösungen denen entsprechen, die „echte“ Intelligenz findet.
Was also lässt sich anhand dieser kurzen Gedankensplitter festhalten?
- KI ist gekommen, um zu bleiben
- KI wird die Arbeitswelt verändern. Aber wahrscheinlich langsamer, als es teilweise befürchtet wird.
- KI in Verbindung mit Robotics kann demografische Lücken schließen und den Output und damit realen Wohlstand erhöhen.
- KI kann uns im Alltag Routinearbeiten abnehmen und so die Lebensqualität erhöhen.
- KI kann uns helfen, uns geistig zu entwickeln. Sie kann uns aber auch dazu verführen, zu retardieren.
- KI kann de facto für manche Menschen Beziehungen menschlicher Natur ersetzen.
Es bleibt spannend, das Rennen ist offen.
Teilen Sie diesen Artikel
Dieser Beitrag wurde noch nicht kommentiert.